Ales Pickar: Mikro-Interview #3

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F: Worauf muss man sich bei Kalion einstellen und mit was sollte man besser nicht rechnen?

A: Kalion ist eine feudale Fantasy. Man sollte sich auf eine Menge Handlungsfiguren einstellen und eine historische Tiefe in der Geschichte. Kalion hat die Atmosphäre einer großflächigen Fantasy, doch es ist eine drachenfreie Zone. Ohnehin kommt Kalion ohne die meisten Attribute einer Fantasy aus. Es gibt hier keine Elfen und Zwerge.

F: Magst du denn keine Drachen?

A: Das kommt darauf an, welche Drachen wir meinen. Denn ich finde, dass die psychologische und somit auch kulturelle Bedeutung von Drachen sich in den letzten Jahren gewandelt hat. Der Drache war im Bewusstsein der Menschen für Jahrhunderte, eigentlich Jahrtausende, ein eher jungsches Sinnbild für ein Ungeheuer, das der Heros überwinden musste. Der Drache war oft fleischgewordener Schöpfungsmythos, den auch der antike Mensch als etwas Urgewaltiges wahrgenommen hatte. Noch immer blicken wir zu unseren Wurzeln hin und ahnen, dass die Vergangenheit nie paradiesisch war, sondern mehr einem Horror glich. Doch heute hat der Drache (dem Vampir nicht unähnlich) einen psychologischen Transfer hinter sich. Die filmischen und literarischen Drachen der Neuzeit sind zumeist freudsche Kuscheltiere, die lediglich eine unterdrückte sexuelle Dimension haben. Und das ist mir viel zu langweilig.

no_dragonsF: Hattest du denn bei Kalion literarische Vorlagen oder Inspirationen, vielleicht Bücher aus deiner Jugend?

A: Es gibt einige sehr klare Einflüsse und das war mir von der ersten Seite an durchaus bewusst. Die stärkste Inspiration kommt von einer heute eher vergessenen Novelle mit dem Titel „Detta är verkligheten“ (‚Dies ist die Wirklichkeit‘) des schwedischen Schriftstellers Bertil Mårtensson. Ich glaube, das Buch ist in Deutschland nie erschienen. Ich kann nun kein Schwedisch lesen, aber es war ein recht beliebtes Jugendbuch in der Tschechoslowakei. Ich habe meine Ausgabe immer noch. Ich mochte die Fantasy-Atmosphäre in diesem Roman und habe anfangs sicherlich versucht, sie in Kalion zu imitieren. Ich hatte mir sogar den Spaß gemacht, Begriffe aus Mårtenssons Roman – Personen und Städtenamen – in mein Manuskript einzuschleusen, aber am Ende habe ich es bleiben lassen, um nicht doch noch irgendwelche Copyright-Probleme zu kriegen. Man kann nie davon ausgehen, dass alle den Unterschied zwischen einer Zuwiderhandlung und einer Hommage verstehen. Das andere Buch, das indirekt bei Kalion Pate gestanden hatte, ist der exzellente Roman von Robert Graves, mit dem Titel „Seven Days in New Crete“. Das ist Phantastik vom Feinsten. Doch es hat mir vor allem gezeigt, wie reizvoll es sein kann, eine eigene Ethnographie und somit Kultur zu entwickeln.bertilmartensson

F: Weißt du heute schon das Ende von Kalion?
A: In groben Zügen, doch darauf kann man sich nicht immer verlassen, denn eine Geschichte hat während des Schreibens ein Eigenleben. Es gehört durchaus zu der Erfahrung eines Autors, dass man mit Nachdruck eine Handlung in eine bestimmte Richtung drängen möchte, doch die Handlung „wehrt“ sich. Am Ende sollte man besser aufgeben und auf die Handlung hören.

F: Hast du eine Lieblingsfigur, wenn ja welche?
A: Das ist schwer zu beantworten. Es ist aber durchaus wahr, dass es unterschiedlich „leicht“ fällt, mit einzelnen Figuren zu arbeiten. Manche sind ein wenig mühsam, während sich andere wie von alleine schreiben. Ich vergleiche das damit, dass manche Figuren wie aus Speckstein sind, während andere mehr aus Granit zu sein scheinen. Falomer und Tevôj schreiben sich leicht, während Ostris oder Lykon verhältnismässig schwer zu behauen sind.

F: Wer sollte Regie führen, wenn Kalion verfilmt wird?

A: Da kommen eigentlich nur drei Namen in Frage: Bong Joon-ho,  Chris Nahon oder Gareth Evans.

F: Und wer spielt dann Gellen?

A: Schwer zu sagen. Erzähltechnisch ist Gellen ein Charakter, den man oft als den „reluctant hero“ bezeichnet, also der widerstrebende Held, der nur sehr unwillig seine heldenhafte Rolle erfüllt. Und das ist heute eine beliebte, häufig zwiespältige Figur, die unentwegt überall auftaucht. Siehe Sawyer in LOST. Somit wäre es vermutlich nicht schwer, eine solche Rolle zu casten. Gellen erscheint gut darstellbar. Bärbeißig und unrasiert. Der heimliche Frauentyp. Wie wäre es mit Anson Mount?

F: Hast du die Karte gezeichnet?

A: Ja, die Karte war eigentlich nur für den Eigengebrauch gedacht. Hierzu hätte natürlich auch gereicht, etwas auf ein Stück Papier zu kritzeln. Doch ich hatte schon als Kind eine starke Faszination für Abenteuerkarten und so macht es mir auch Spaß, eine solche Grafik zu erfinden. Auch wenn es deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt, als ich da hineinstecken sollte. Das ist dann aber der Geek in mir, der nach Betätigung verlangt. Wie gesagt, war die Karte für den internen Einsatz gedacht, aber am Ende landet doch immer alles im Internet. Ich habe mich aber gefreut, dass die Karte beim Verlag begrüßt wurde und sogar ins Buch gekommen ist.

Kalion-Karte: Neroê

F: Was heißt „Ich liebe dich“ auf Ledonisch?

A: Tûm asteûm

F: Wolltest du schon immer Schriftsteller werden?

A: Ich habe zwar schon als Teenager immer etwas gekritzelt, aber das war zumeist sehr furchtbar und außerordentlich infantil. Aber ich hatte immer einen Antrieb in mir, etwas Kreatives zu tun, das präsentierbar ist. Ich hatte vor vielen Jahren ein avantgardistisches Underground-Label gegründet, das zuerst Ritual Music hieß und dann Ant-Zen. Doch das war dann nichts für mich, da mir die Business-Seite von Musik nicht besonders behagt. Es folgten einige Jahre mit einer eher eklektischen Musik-Gruppe. Und Ende der 90er wollte ich sogar Filme machen. Doch ich musste bei diesen Unterfangen immer alles allein stemmen. Und damit meine ich nicht nur das Geld, sondern vor allem die kreative Richtung. Ich hatte den Fehler gemacht, immer alles als eine Art Kommunion zu verstehen. Sozusagen das Leben als Garagenband. So wandte ich mich mit meinen Ideen und Projekten stets an meinen Freundeskreis. Für einige war das wohl eher nervig, während es für manche durchaus kurzweilig war, mal eine Weile auf dem Trittbrett mitzufahren. Aber am Ende fand ich mich mit dem Salat immer ganz alleine wieder. Und viele Ideen blieben zu oft in ihrer Anfangsphase stecken. Sprich: in der sich ständig wiederholenden Besprechung bei einem Spezi in der Lieblingskneipe. Um eine Idee in ihren Schwebezustand zu versetzen, hätten dann alle gleichermaßen anpacken müssen und nicht nur ich allein. Ungefähr mit 30 wurde mir bewusst, dass es die eine Ausdrucksform gibt, bei der ich mich nicht auf andere Leute verlassen muss und die ich ganz ohne Eigenkapital betreiben kann: das Schreiben. Ich war jedoch sehr ungeübt und so rangierten die Resultate irgendwo zwischen peinlich und tröge. Immerhin konnte ich durch den dilettantischen Nebel hindurch sehen, was geändert werden musste, um besser zu werden. Das hat aber sicher 1000 Seiten Text nur für die Mülltonne gekostet, bis die Ergebnisse auch nur ansatzweise schlüssig waren.

F: Hättest du einen Tipp für angehenden Autoren?
A: Das kommt ein wenig darauf an, wie alt die angehenden Autorinnen oder Autoren sind. Wenn es sich um eine junge Person handelt, wäre mein nachdrücklichster Ratschlag, es zu lernen die Sozialen Medien und das Internet abzuschalten. Ein „Flow“ kann sich nicht einstellen, wenn man aller 10 Minuten durch irgendeine neue Meldung abgelenkt wird. Für Leute mehr in meinem Alter gilt allerdings ein ganz anderer Ratschlag: Sport machen, denn rein evolutionstechnisch sind Wirbelsäulen und Halsmuskeln nicht zum dauerhaften Sitzen und Schreiben geeignet. Ich weiß, wovon ich spreche.


Finde mehr heraus auf http://www.kalion.de

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